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Schwierigkeiten mit einer
eigenen Geschichte

Unser heutiges Thema ist die deutsche Geschichte. Fein! Wenn nur die Frage nicht wäre: Wann fängt deutsche Geschichte eigentlich an?

Die erste historische Zahl, die unsereiner im Kopf hat, ist das Jahr

9
Hermann der Cherusker verhaut die römischen Besatzer im Teutoburger Wald. Kluge Leute vermuten, er habe anschließend alle Germanenstämme wider die Römer einigen wollen. Mit etwas Glück hätte damals die deutsche Geschichte beginnen können. Dummerweise wurde Hermann umgebracht. So etwas stört die schönsten Pläne.

300
Ein großes Durcheinander ruiniert jede historische Linie. Südwärts voraus locken Italiens Sonne und dolce vita. Von hinten schieben die Hunnen nach. Überschrift: Die Völkerwanderung. Als die vorbei ist, hat jeder germanische Stamm Adresse und Postleitzahl so gründlich gewechselt, dass man manche überhaupt nicht mehr findet.

500
Eine historische, wenn auch moralisch zweifelhafte Figur wird erkennbar: Der Merowinger-Fürst Chlodwig, der durch Gift, Mord, Betrug und andere Mittel der Überredungskunst zahlreiche Stämme unter einen Hut (den seinigen) bringt und sich ein Reich ergaunert, das den Hauptteil des heutigen Deutschlands umfasst und bis hinunter an die Pyrenäen reicht.

800
Wieder eine Zahl, über die sich jeder freut, weil sie so leicht zu merken ist: Karl der Große wird zum Kaiser gekrönt. Karl, mit Chlodwig entfernt verwandt, hat das große Reich geerbt — kein deutsches, sondern ein europäisches. Die deutsche Geschichte hat immer noch nicht begonnen.

900
Aber jetzt fängt sie beinahe an. Die Enkel Karls des Großen verteilen das Reich wie einen Apfelkuchen. Ludwig, den man heute den »Deutschen« nennt, kriegt das, was wir heute so ungefähr »Deutschland« nennen.

920
Schon wieder eine vertraute Figur: Herr Heinrich sitzt am Vogelherd, gar froh und wohlgemut. Aber auch nur so lange, bis die deutschen Fürsten ihm anstelle der just ausgestorbenen Franken die Königskrone antragen. Der Sachse Heinrich lässt die Vögel sein, krempelt die Ärmel hoch und erfindet die prägnantesten Sinnbilder des Mittelalters: Burgen und Ritter. Damit hält er künftig die Ungarn aus Deutschland fern. Es ist wohl nicht mehr als recht und billig, die deutsche Geschichte erst mit ihm anfangen zu lassen.

1150
Nach mancherlei Auf und Ab betritt wieder eine Bilderbuchfigur die Bühne: Kaiser »Rotbart Lobesam«, Friedrich I. von Hohenstaufen. Dank seiner faszinierenden Person wird er zum Märchenkaiser aller kommenden Geschlechter. Aber auch die Zeit ist faszinierend. Kreuzzüge bringen orientalische Kultur nach Deutschland, Gewürze und die Pest. Die höfische Musik, der Minnesang, das Kegelspiel und Weihnachten werden erfunden. Und Kaiser Barbarossa stirbt standesgemäß: Er ertrinkt auf seinem dritten Kreuzzug.

1270
Fürs erste ist die große Zeit Ende. Kaiser Konradin, der letzte Hohenstaufe, hat das Pech, in Italien von seinen Gegnern gefangen zu werden, die ihn kurzerhand köpfen. Damit beginnt für Deutschland das »Interregnum«, die »kaiserlose, die schreckliche Zeit«. Das Fach »Deutsche Geschichte« wird aus dem Lehrplan gestrichen. Städte und Fürsten, Erzbischöfe, Kaufleute, Raubritter und Wegelagerer kommen ins Raufen. Jeder sorgt erst einmal für sich selbst. Zwar sitzt auch irgendwo ein König, aber der sorgt ebenfalls für sich selbst. So geht das 200 Jahre lang. Aus Rittern werden Karikaturen, aus Bürgern Spießbürger, aus Deutschland ein Butzenscheibenidyll für die amerikanischen Fremdenverkehrsprospekte von 1968.

1517
Aus heiterem Spießerhimmel bricht eine Revolution. Martin Luther schlägt seine Thesen an; die »Freiheit eines Christenmenschen« ist in aller Mund, Aufruhr zieht durchs Land.

1618
Aus dem Bürgerkrieg ist der Dreißigjährige geworden, und mit der deutschen Geschichte ist's immer noch nichts Richtiges. Das ruinierte Land ist in zahllose Ländchen, Fürstentümer und Stadtstaaten zersäbelt. Man will, was ja verständlich ist, nur noch seine Ruhe und ein bisschen Prunk. Drum imitiert man Ludwig XIV. mitsamt Perücken, Barock und Mätressen.

1740
Immer noch ist Frankreich Mode. Selbst der König von Preußen spricht lieber französisch als deutsch. Als übermütiger Friedrich II. bändelt er mit der Kaisermacht zu Wien an, die derzeit durch Maria Theresia vertreten wird. Wunderbarerweise und durchaus unverdient gewinnt er den Siebenjährigen Krieg und ist plötzlich Friedrich der Große.

1806
Frankreich ist nicht mehr bloß Mode; jetzt liefert es auch noch den Kaiser. Der Habsburger in Wien legt die deutsche Krone ab, Napoleon setzt sich eine selbstgebastelte auf. Und geht alsbald mit Deutschland um, als sei er Regisseur einer Laienspielschar: Kostümiert den einen zum Großherzog, den anderen zum König; stellt den einen hierhin, sagt dem anderen, wie er sich zu bewegen hat und schickt den dritten von der Bühne, weil er seinen Text nicht kann. Schade bloß, dass das Stück kein Happy-End hat.

1848
Napoleon ist gescheitert, aber was er von Deutschland übriggelassen hat, ist auch nicht der Rede wert: 39 einzelne Länder, Fürstentümer, Königreiche. Alle mit eigenem Geld, eigenem Zoll, eigener Post, eigenem Militär. Man schreibt bayerische Geschichtsbücher, preußische, sächsische, badische — und ist sehr stolz darauf. Aber 586 Idealisten treffen sich zur »Deutschen Nationalversammlung« in der Frankfurter Paulskirche. Ein Jahr beraten sie, dann bieten sie dem Preußenkönig die deutsche Kaiserkrone an — einen Posten als Aufsichtsratsvorsitzenden gewissermaßen. Peinlicherweise lehnt der ab. Was jetzt?

1870
kommt Bismarck, preußischer Ministerpräsident. Er probiert es anders: Mit Kraft, Diplomatie und Krieg. Das hilft. Die deutschen Länder schließen sich zusammen, Bismarck wird Reichskanzler, sein König wird Kaiser Wilhelm. Aber immer wieder in der Geschichte machen die Kinder alles kaputt. Diesmal heißt das (Enkel-) Kind Kaiser Wilhelm II, trägt einen aufgezwirbelten Schnurrbart, rasselt mit dem Säbel und hält sich — bedauerlicher Irrtum — für einen bedeutenden Kopf. Er entlässt Bismarck und versichert seinem Volk: »Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen!«
Heute leiden wir immer noch an Kaiser Willems herrlichen Zeiten. Seine Unfähigkeit, diplomatische Spielregeln zu begreifen, hat — unter anderem — den Ersten Weltkrieg losbrechen lassen. Deutschlands Unfähigkeit, politische Spielregeln zu begreifen, hat — unter anderem — zu Hitler und dem Zweiten Weltkrieg geführt.
Und als bitteren Ausgleich für die Jahrhunderte, in denen Deutschland zu einer eigenen Geschichte nicht fähig war, hatten wir dann gleich zwei deutsche Geschichten. Mit einer Mauer dazwischen. Aber das ist inzwischen auch schon wieder Geschichte...

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